Dutzende geflüchtete Menschen sind jüngst im Mittelmeer ertrunken, es gibt nur zehn Überlebende. Tanja Boukal ist auf der italienischen Insel Lampedusa und berichtet von der furchtbaren Lage vor Ort.
Ein achtjähriger Bub, der verzweifelt nach seinem zwölfjährigen Bruder fragt. Dutzende Tote, deren Leichen wohl nie mehr gefunden werden. Und geschockte Überlebende und Helfer:innen. Davon berichtet die Wiener Künstlerin Tanja Boukal aus Lampedusa im telefonischen Interview mit mir.
Titelbild: Trauerfeier für die toten Menschen auf Lampedusa. Bild: Tanja Boukal
Die Insel Lampedusa vor der italienischen Küste gilt als einer der sogenannten Hotspots für die Landung von flüchtenden Menschen. Diese Menschen fahren mit oft völlig überfüllten Booten aus Libyen oder Tunesien über das Mittelmeer. Sie kommen meist aus Syrien, Afghanistan, dem Jemen oder aus anderen Kriegs- und Konfliktzonen. Tanja Boukal kennt die Lage vor Ort sehr gut, sie ist bereits länger auf Lampedusa, um ein einjähriges Projekt im Rahmen der „Italienischen Kulturhauptstadt 2025“ umzusetzen.
„Wir wussten, dass es diesmal wirklich schlimm wird“
Gleichzeitig hat Boukal auch enge Kontakte mit lokalen NGOs zur Unterstützung von geflüchteten Menschen und ist oft vor Ort, wenn Menschen völlig erschöpft anlanden. Auch am 18. März ist Tanja Boukal am Hafen und wird Augenzeugin einer neuerlichen Katastrophe an den Grenzen der brutalen Festung Europa. Ich habe das Interview mit Boukal aufgezeichnet und verschriftlicht, es ist von ihr autorisiert.

Tanja Boukal bei der Arbeit. Bild: Michael Bonvalot
Tanja, wie hast Du von dieser Katastrophe erfahren?
Um exakt 16:20 Uhr kam die erste Meldung, wonach ein Boot der italienischen Küstenwache mit acht geretteten Menschen ankommen würde. Später stellte sich dann heraus, dass zehn Menschen überlebt hatten. Wir wussten schon da, dass es diesmal wirklich schlimm wird. Denn auf den Booten, mit denen die Geflüchteten fahren, sind üblicherweise mindestens 30 bis 40 Menschen, oft sind es sogar bis zu 200.
Die Strecke von Libyen oder Tunesien nach Lampedusa ist lang, das geht nur mit größeren Booten, auf die dann auch noch viel zu viele Menschen gepfercht werden. Wenn unter 30 Überlebende angekündigt werden, dann bedeutet das: Es gibt Tote. Ich bin dann sofort zur „Molo Favaloro“. Das ist eine Militärzone, dort landen die Schiffe der italienischen Behörden oder von Frontex. Der Zugang für NGOs ist extrem eingeschränkt, was große Probleme bei der Betreuung von Überlebenden bedeutet.
Der kleine Bub fragt nach seinem Bruder. Doch der ist vermutlich tot.
Wir haben erfahren, dass insgesamt zehn Menschen gerettet wurden, zwei davon mussten direkt ins Spital. Darunter sind vermutlich zwei Frauen und ein achtjähriger Bub. Helfer:innen, die direkt mit ihm gesprochen haben, haben mir erzählt, dass ein achtjähriger Bub nach seinem zwölfjährigen Bruder gefragt hat. Doch es hatte kein zwölfjähriges Kind überlebt. Der kleine Bub fragte nach seinem toten Bruder.
Was ist inzwischen über die toten Menschen bekannt?
Insgesamt müssen Dutzende Menschen ertrunken sein. Die Überlebenden berichten, dass insgesamt 56 Menschen auf dem Boot gewesen wären. Gemeinsam mit den wenigen Überlebenden haben die italienischen Behörden sechs Leichen geborgen und nach Lampedusa gebracht. Diese Zahlen entsprechen auch den ersten italienischen Medienberichten.

Die Mole auf Lampedusa. Bild: Tanja Boukal
Das ist allerdings auch nicht verwunderlich: Das Boot kam aus Tunesien und es gab an diesem Tag enorm hohe Wellen. Damit verschwinden Leichen sehr schnell im Wasser. Die sechs Leichen sind also nur die wenigen Körper, die noch oben auf dem Wasser getrieben sind. Es kann auch sein, dass an diesem Tag noch weit mehr Menschen ertrunken sind. Es ist völlig unklar, ob noch weitere Boote unterwegs waren.
Wie verhalten sich die italienischen Grenz-Behörden und die EU-Agentur Frontex?
In der Öffentlichkeit geben sie sich gern ein humanes Image, indem sie von den Menschen berichten, die sie gerettet haben. Doch tatsächlich versuchen sie alles, um die Rettung von Menschen möglichst schwierig zu machen.
So war am selben Tag auch das Segelschiff Aurora der NGO Sea Watch auf See. Das ist ein sehr kleines Schiff für kurzfristige Rettungsaktionen. An diesem Tag war die Aurora eigentlich nur wegen einer Übung draußen, doch schlussendlich musste das Schiff mit 28 geretteten Menschen insgesamt 36 Stunden draußen bleiben. Die italienischen Behörden hatten die Landeerlaubnis auf Lampedusa verweigert und die Besatzung der Aurora angewiesen, weiter nach Sizilien zu fahren.
Wenn das Schiff gekentert wäre, wären wohl alle Menschen ertrunken
Das dürfte aber einfach unmöglich gewesen sein. Die Leute auf der Aurora haben mir erzählt, dass es einen brutalen Wetterumschwung gab. Sie mussten mit 2,5 Meter hohen Wellen kämpfen und waren enorm froh waren, dass das Schiff bis dahin nicht gekentert ist. Sie haben sich deshalb geweigert, nach Sizilien zu fahren. Das Risiko wäre einfach zu groß gewesen, dass dann alle Menschen auf dem Schiff sterben.
Erst nachdem sie immer weiter vor Lampedusa gekreuzt sind, haben die Behörden dann die Landeerlaubnis erteilt. Doch wenn Schiffe die Anweisungen der Hafenbehörden nicht befolgen, für das üblicherweise dazu, dass das Auslaufen für einen Monat verboten wird. Und es gibt schon jetzt viel zu wenig Rettungsboote.
Wie geht es den überlebenden Menschen, nachdem sie ankommen?
Diese Menschen sind leider oft in einer furchtbaren Verfassung. Viele Menschen sind völlig traumatisiert, es gibt selbst Verletzungen. Wir sehen hier jeden Tag Dinge, die niemand sehen sollte. Und die nicht passieren dürfen.
Den Geruch nach einer Mischung aus Angst, Körperausdünstungen und Kerosin wird niemand jemals wieder vergessen, der hier gearbeitet hat. Frontexbeamt:innen, die die Menschen befragen, noch bevor sie aus dem Boot steigen dürfen. Angekommene, die auf der Mole vor Entkräftung zusammenbrechen. Verletzte, die mit Verbrennungen von in Brand geratenen Bootsmotoren barfüßig zu einer der wenigen vorhandenen Bänke humpeln.
Während du den Menschen Tee gibst, ihnen zuhörst und versuchst, ihnen diesen Moment der Ankunft so positiv wie möglich zu gestalten, während du sie anlächelst, kannst du manchmal an nichts anderes denken als an all die Menschen, die es nicht geschafft habe, für die du nichts mehr tun kannst. Oder du siehst eine Frau, die ein Baby an sich gedrückt hat und fragst Dich automatisch, ob das Baby überhaupt noch lebt.
Für die Erstversorgung haben die NGOs gerade einmal 10 bis 15 Minuten Zeit. Das ist natürlich viel zu wenig. Es gibt keinerlei psychologische Betreuung, weder für die Überlebenden, noch für die Helfer:innen. Das ist natürlich völlig unmöglich.
Du hast Frauen mit Babys angesprochen. Viele Menschen fragen dann, warum Frauen mit so kleinen Kindern diese lebensgefährliche Reise überhaupt antreten.
Wenn Frauen mit kleinen Kindern anlanden, dann können wir fast sicher davon ausgehen, dass die Frauen während ihrer Flucht vergewaltigt wurden und deshalb schwanger geworden sind. Wenn etwa Frauen aus dem subsaharischen Afrika flüchten, dann wurden sie während ihrer Flucht so gut wie sicher mehrmals vergewaltigt. Wenn die Frauen dann aber in Libyen oder Tunesien sind, gibt es ja gar keine andere Perspektive mehr, als auch den letzten Schritt zu wagen.
Zuletzt kommen immer mehr Frauen und Kinder
Die Menschen können sich meist auch nicht aussuchen, wann sie losfahren. Sie müssen oft in Lagerhäusern warten, bis sie abgeholt und auf Boote gebracht werden. In vielen Fällen ohne Tageslicht, die Benutzung von Handys ist verboten.
Es fällt auch auf, dass zuletzt immer mehr Frauen Kinder anlanden. Am 17. März etwa kamen zwei Boote mit insgesamt rund 60 Minderjährigen an, größtenteils unbegleitet. Wir sehen auch verstärkt Frauen mit sehr kleinen Kindern. Das könnte auch die Folge der Ankündigungen zum Stopp des Familiennachzug sein. Viele Familien haben vermutlich Angst, dass sie sonst keine Chance mehr auf ein Zusammenleben haben.
Wie ist die Stimmung auf Lampedusa, nachdem der Tod all dieser Menschen bekannt wurde?
Gleich am nächsten Tag gab es zwei Gedenkfeiern für die toten Menschen. Die erste Trauerfeier am Friedhof war so ausgestaltet, dass alle etwas sagen konnten. Aber die meisten Anwesenden haben geschwiegen und viele haben geweint. An einer großen Prozession nahmen danach hunderte Menschen teil, auf ganz Lampedusa wohnen ohne Tourist:innen rund 3000 Menschen.

Gedenkort für die Toten auf Lampedusa. Bild: Tanja Boukal
Die Prozession hielt dann auch am Hauptplatz vor dem Rathaus, wo zwei Banner niederlegt waren. Auf einem stand „Offene See“, auf dem anderen „Lasst sie passieren, ruht in Kraft“. Dort gab es eine gemeinsame Schweigeminute.
Die Rechten zerstören sogar das Gedenken an die Toten
Enorm bezeichnend und erschreckend fand ich, dass der stellvertretende Bürgermeister Attilio Lucia von der rechten Partei Lega unmittelbar nach dem Ende der Trauerfeier zum Hauptplatz fuhr und dort die Gedenkbanner wegriss und in sein Auto stopfte. Davon gibt es auch ein Video. In einer Presseaussendung legte der sizilianische Lega-Chef Nino Germanà dann sogar noch nach.
Germanà behauptete, dass NGO-Aktivist:innen den Platz vor dem Rathaus mit „Spruchbändern gegen Italien tapeziert“ hätten, die angeblich beleidigend wären. Dazu fantasierte er auch von „politischen Provokationen“. Nochmals, es war eine Trauerfeier und der Text auf den Bannern enthält offensichtlich nicht von dem, was Germanà behauptet.
Du siehst täglich die realen Folgen der Abschottungspolitik der EU. Was denkst Du dazu?
Es ist ein Verbrechen, das leider immer weniger Menschen interessiert. Für viele Medien wird es nur noch interessant, wenn besonders viele Menschen ertrunken sind. Und selbst dann ist es oft nur noch eine Kurzmeldung.
Das Mittelmeer ist inzwischen ein Massengrab. Insgesamt sind bereits viele tausend geflüchtete Menschen im Mittelmeer ertrunken, die genauen Zahlen werden wir wohl nie erfahren. Und die Verantwortlichen dafür sitzen in Brüssel, Berlin und Wien.
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