Zum bereits 100. Mal ist am Sonntag in Steyr die rechte Corona-Szene aufmarschiert. Mit dabei: Der lokale FPÖ-Obmann, Traktoren, Verschwörungen – und Neonazis wie Gottfried Küssel. Bis zu 150 Menschen haben gegen die Rechten demonstriert.

Ein schauriges Jubiläum in Steyr: Zum bereits hundertsten Mal ist die lokale Corona-Szene am Sonntagabend durch die Altstadt der drittgrößten Stadt in Oberösterreich gezogen. Rund 930 Personen seien es diesmal gewesen, wie mir eine Sprecherin der Landespolizeidirektion Oberösterreich sagt. Lokale antifaschistische Aktivist:innen bestätigen diese Schätzung.

Mobilisiert wurde von Rechts diesmal überregional. Aktivist:innen berichten von Bussen und Kennzeichen unter anderem aus anderen Regionen Oberösterreichs, Salzburg, Kärnten und Tirol. Auch ein Teil der gespaltenen Corona-Szene aus Wien hat mobilisiert.

Alle Bilder: standpunkt.press

So rief etwa die Fairdenken-Truppe rund um Hannes Brejcha zum Aufmarsch in Steyr auf – während die Fraktion seines früheren Verbündeten und jetzigen Konkurrenten Martin Rutter gleichzeitig auf der Wiener Ringstraße marschierte. Ich habe in Wien live vor Ort berichtet. Ideologisch schenken sich die beiden Fraktionen übrigens wenig: Beide sind offen extrem rechts und rassistisch. Es dürfte mehr darum gehen, wer der Führer sein darf.

Szene-Hochburg Oberösterreich

Schon seit Beginn der Pandemie ist Oberösterreich eine Hochburg der Szene. In einer österreichweiten Betrachtung fand zeitweise die Hälfte aller regelmäßigen Corona-Aufmärsche in Oberösterreich statt. Und so haben sich die wöchentlichen Aufmärsche in Steyr auch weit länger gehalten als in vielen anderen Orten. Lokale Aktivist:innen erzählen mir, dass dabei die wenigsten Personen aus Steyr selbst stammen würden. Vor allem aus kleineren Orten und Dörfern würde mobilisiert.

Laut David Furtner, Sprecher der oberösterreichischen Polizei, hätte die Polizei seit Beginn der Pandemie in Oberösterreich insgesamt bereits 1163 Corona-Aufmärsche im Bundesland begleiten müssen. Dabei hätte es bis dato 3585 Anzeigen gegeben, so Furtner. Die meisten nach den einschlägigen Covid-Bestimmungen, aber auch einige nach dem Verbotsgesetz gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung.

Russische Fahne und Verschwörungsideologie

Die politische Stimmung beim Aufmarsch in Steyr war dann eindeutig. Direkt von der Bühne etwa durfte der Steyrer FPÖ-Obmann und Vizebürgermeister Helmut Zöttl die Anwesenden begrüßen und über die „fleißigen Bienen“ sprechen, die die Aufmärsche organisieren würden. Die eindeutige Schlagseite zeigte sich auch an zahlreichen Symbolen und Bannern: Mitgeführt wurde etwa eine russische Fahne oder eine Fahne mit verschwörungsideologischen Parolen gegen einen angeblichen „Great Reset“ sowie gegen eine „NWO“ (Neue Weltordnung).

Die Verschwörung-Plattform Auf1 verteilte ihre blauen Luftballons. Der Gründer der Plattform, der Corona-Leugner Stefan Magnet, hat übrigens selbst über 130.000 Euro an Corona-Hilfe kassiert. Alles dazu habe ich hier für euch aufgeschrieben.

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Ebenfalls vor Ort mit gelben Schildern: Eine Abordnung der Corona-Aufmärsche im Attergau-Kreis an der Grenze zwischen Oberösterreich und Salzburg. Diese Gruppe war erst jüngst mit dabei, als extreme Rechte und Faschist:innen Ende Oktober in St. Georgen im Atterseekreis gegen geflüchtete Menschen aufmarschiert waren. Sarah Mitterhuber war damals für standpunkt.press vor Ort, ihren Bericht könnt ihr hier lesen!

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Zur Abrundung auf einem Banner dann die Forderung nach einem Stopp einer „faschistischen kommunistisch-grünen Hölle“. Wo die Produzenten des Banners eine solche Hölle verorten und ob sie verstanden haben, dass Faschismus und die Linke sich gegenseitig zwangsläufig ausschließen? Das konnte leider nicht eruiert werden.

Nazis und Faschist:innen suchen sich ihre Corona-Fraktion

In dieser Umgebung sehr wohl fühlte sich scheinbar auch Neonazi-Gesicht Gottfried Küssel samt Begleitung. Er trug ein Banner mit der Aufschrift „Coronaverbrecher ins Gefängnis“. Dabei sollte doch gerade Küssel vorsichtig mit der Forderung nach Gefängnis-Strafen sein. Immerhin kennt er selbst österreichische Gefängnisse sehr gut von innen.

Dass Küssel und Co in Steyr aufgetaucht sind, sollte übrigens nicht überraschen: Corona-Marsch-Organisator Brejcha und Küssel haben ein gutes Einvernehmen miteinander. Im Hintergrund dürfte hier auch die Spaltung des faschistischen Lagers stehen: Nachdem die neofaschistische Gruppe Identitäre auf Martin Rutter und seine „direktdemokratisch“-Fraktion setzt, hat sich die NS-Szene offenbar auf die Seite der „Fairdenken“-Truppe geschlagen.

Gegen den hundertsten Aufmarsch der rechten Corona-Szene haben auch lokale Linke und Antifaschist:innen vor Ort protestiert. Insgesamt drei Gegendemos wurden vor Ort organisiert. Die Polizei spricht von rund 50 Teilnehmer:innen. Eine lokale Aktivistin hält diese Zahl für viel zu niedrig und spricht mir gegenüber von rund 150 Teilnehmer:innen. Eine Demo stand dabei unter dem Lichtermeer-Motto „Yes We Care“. Eine Protestkundgebung forderte: „Kein Verständnis für Lügenpropaganda“.

Update 06.12.: Ergänzt um die Ansprache von Helmut Zöttl beim Aufmarsch.

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